MEC Report 2022

Publikation

Fachmarktzentren in Deutschland 2022

Evoluzzer gesucht

Den Wandel anpacken
Auch wenn wir es uns anders wünschen würden, viele Veränderungen sind gekommen, um zu bleiben. Wir werden mit dem Coronavirus auf Jahre hinaus leben müssen. Wir werden erleben, wie sich die Natur verändert und der Klimawandel unsere Umwelt beeinflusst. Wir werden dabei sein, wenn ein Krieg mitten in Europa zu einer neuen Ordnung der Welt führt und Globalisierung zunehmend Lokalisierung weicht. Das sind nur einige Beispiele, die keine Zukunftsszenarien darstellen, sondern im Hier und Jetzt passieren. Eine Zukunft der Umwälzungen steht uns bevor, und sie hat bereits begonnen. Wir müssen die Entwicklungen akzeptieren, die wir nicht ändern können, und uns auf den Mut konzentrieren, den wir brauchen, um die Dinge anzupacken, die wir gestalten wollen. Ein Prinzip, das funktioniert. Mit Mut und Entschlossenheit haben Menschen neue Kontinente entdeckt, künstliche Intelligenz entwickelt und sind mittels moderner Technologien zu einem anderen Planeten unseres Sonnensystems aufgebrochen. Wir können das und wir schaffen das, weil der Mensch mehr kann, als er sich manchmal zutraut.

Klimaschutz ohne Renditeturbo
Die sozialen Netzwerke sprudeln nur so von guten grünen Nachrichten. Klimaschutz? Klar! Wir berauschen uns an den wohlklingenden Worten einer nachhaltigen Gesellschaft, in der wir uns alle nachhaltig wohlfühlen. Dazu informieren wir uns gerne über die zahlreichen Lösungen von Unternehmen, die uns erklären, warum vor allem sie unseren Planeten zu einem nachhaltigeren Ort mit einer intakten Umwelt und glücklichen Kindern machen. Schöne Public-Relations-Welt mit Kuschelfaktor. Wir übersehen dabei leider allzu oft, dass trotz der immensen Aufgabe, unser Dasein auf diesem Globus zu retten, die innovativen Lösungen auf harte Finanzrealitäten treffen. Klimaschutz hat ein Preisschild, aber er ist kein Renditeturbo – zumindest noch nicht. Veränderung bedeutet, die ausgetretenen Pfade zu verlassen. Sind wir ehrlich: Die Zeiten, in denen unser Handeln der Devise höher, schneller, reicher folgte, sind vorbei.

Klimaschutz kostet und wir werden sicher in das ein oder andere lange Gesicht von Anlegern blicken. Wir müssen die Perspektive verändern: Nicht zu handeln heißt, immense Kosten für die Folgen des Klimawandels tragen zu müssen und diese Kosten werden garantiert unaufhaltsam steigen, uns über den Kopf wachsen und unsere alten Geschäftsmodelle früher oder später grundsätzlich straucheln lassen – ganz sicher! Stecken wir mal den Kopf aus unserer wirtschaftlichen Wohlfühlblase: Ist eine lebenswerte Zukunft für die nachfolgenden Generationen nicht eine bereichernde Rendite, auch wenn man sie nicht in Euro bemessen kann? Ist der Erhalt jeder einzelnen Spezies auf dieser bunten Erde nicht viel mehr wert als der Shareholder-Value? Am Klimaschutz wird sich zeigen, ob wir lernfähig sind und über den Horizont von Bilanzen und Wachstumsstrategien hinausdenken können.

Fachmarktzentren: Orte des Handelns
Die Assetklasse der Fachmarktzentren ist gefragt bei Investoren. Das liegt nicht zuletzt daran, dass wir uns alle während der Coronapandemie wieder auf unsere direkte Nachbarschaft konzentriert haben. Unser Handlungsradius wurde kleiner, und wir schätzen inzwischen den Händler um die Ecke, der sich ideal mit der neuen Form der Arbeit im Homeoffice verbinden lässt. Während die Veränderungen in vielen Fachmarktzentren über Jahrzehnte darin bestanden, dass Mieter wechselten oder die Fassade eine neue Farbe erhielt, geht es jetzt um mehr. Der Kunde entdeckt den Handelsstandort nicht nur als Ort des Konsums, sondern auch zunehmend als Treffpunkt der sozialen Begegnung. Sport- und Freizeitangebote und sogar Wohnungen werden wir in den kommenden Jahren als wachsende, integrale Bestandteile von Fachmarktzentren erleben. Doch damit nicht genug: Dezentrale Energieerzeugung ist das Gebot der Stunde. Fachmarktzentren bieten mit überdachten Stellplatzanlagen und großzügigen Dachflächen exzellente Voraussetzungen für den Einsatz von Photovoltaik.

Das Ziel: Der Schutz von Klima und Umwelt durch emissionsfrei generierten Strom – und die Reduzierung der Nebenkosten für die Eigentümer und Mieter der Handelsstandorte. Der aus Solarenergie gewonnene Strom wird direkt in das Stromnetz der Center eingespeist und versorgt damit die Allgemeinflächen. Ein Betreibermodell verhindert Steuerschädlichkeit. Mit diesem Schritt zur dezentralen Energieerzeugung vor Ort zieht sofort ein weiterer Nutzen in diese Assetklasse ein: Getankt wird künftig beim Kaufmann um die Ecke. Eine Ladeinfrastruktur für unsere zunehmend elektrisch-mobile Gesellschaft entsteht bereits an vielen Fachmarktzentren. Für Eigentümer und Betreiber von in die Jahre gekommenen Immobilien bedeuten diese neuen Möglichkeiten ein Refurbishment dieser. Hier werden sich die Lösungen durchsetzen, die interdisziplinär und gemeinsam mit allen handelnden Akteuren entwickelt werden. Das schweißt zusammen und macht deutlich, dass das Management von Handelsstandorten Mannschaftssport ist.

Wissen, was die Verbraucher wollen
Besonders in Zeiten großer Veränderungen ist es umso wichtiger, zu wissen, an welchen Stellschrauben gedreht werden muss, um auf dem richtigen Kurs zu segeln. In der Welt der Handelsimmobilien ist es von entscheidender Bedeutung, die Kunden genau zu kennen. Sie sind keine homogene, sondern eine sehr heterogene Gruppe und nehmen auch die gesellschaftlichen Entwicklungen ganz unterschiedlich wahr. Das persönliche Sorgenranking hängt dabei stark von der Grundorientierung der Menschen und ihrer sozialen Position ab. Allerdings sind es laut dem Sinus-Institut primär die sozial bessergestellten Befragten, die über positive Gefühle berichten. Gesellschaftlich benachteiligte Milieus haben derzeit die wenigsten positiven Emotionen. Wer große Veränderungen anpackt, muss große Schritte machen, die sich nicht so schnell rückgängig machen lassen, wenn man aus dem Tritt kommt. Deshalb: Evoluzzer sind nicht nur mutige Veränderer, sondern vor allem besonnen und gut informiert.

Immobilien brauchen Musketiere
Einer für alle und alle für einen – die Gemeinschaft machte die legendären Musketiere stark. Genau diesen Ansatz brauchen Handelsimmobilien heute, um die großen Herausforderungen wie Klimaschutz, verändertes Verbraucherverhalten oder Digitalisierung zu meistern. Die Branche muss nicht nur über Augenhöhe reden, sondern sich auch respektvoll und wertschätzend in die Augen schauen. Ein Asset-Manager ist kein reiner Zahlenakrobat und ein Facility-Manager längst mehr als der Hausmeister im grauen Kittel. Sie sind alle Mitspieler im Lebenszyklus von Immobilien und Meister ihres Fachs. Sie sind Spezialisten, die alle gemeinsam an einen Tisch gehören und auf Augenhöhe Lösungen entwickeln, die sich am Ende im Werterhalt und der Wertsteigerung der Immobilien auszahlen. Aus Nachunternehmern werden Mitentwickler und aus Auftraggebern Partner des gemeinsamen Erfolgs. Klingt logisch, nur leider handelt die Immobilienwirtschaft vielfach noch in alten, hierarchischen Denkmustern. Schluss damit! Wir müssen Respekt vor den Leistungen unserer Auftraggeber und Dienstleister haben, mit ihnen reden, ihnen vertrauen und so neue Handlungsspielräume schaffen. Dann entsteht der Raum für die Ideen, die wir für die großen Herausforderungen unserer Zeit dringend benötigen. Große Aufgaben erfordern große Veränderungen.