Dass der stationäre Einzelhandel an Zugkraft verliert, wird für unsere Einkaufsstraßen zunehmend zum Problem. Die Konsummeilen locken immer weniger Menschen an. Sie werden sich wandeln müssen – aber nicht zu Einkaufsstraßen 2.0.
Die Haupteinkaufsstraßen sind so etwas wie die pulsierenden Hauptschlagadern vieler unserer Städte. Gab ihnen in den letzten Jahrzehnten vor allem der Einzelhandel ihren Puls, verliert dieser nun zunehmend seine lebenserhaltende Kraft. Die Coronakrise beschleunigt diesen Prozess noch, ist aber nicht dessen Ursache. Schon vorher klagten viele Einzelhändler über rückläufige Besucher- und Kundenfrequenzen, obwohl doch die Passantenfrequenzen zumeist stabil waren. Nimmt man die Klagen ernst, dann pulsierten die Einkaufsstraßen wohl eher trotz denn wegen des Einzelhandels. Hierin liegt ein Fingerzeig auf die Zukunft der Einkaufsstraßen – und zugleich ein Verweis auf ihre Vergangenheit. Bevor sie zu Einkaufsstraßen wurden, waren Ku’damm, Zeil und Co. Pracht- und Flaniermeilen, auf denen Menschen ihren Müßiggang pflegten, sich trafen oder einfach nur gesehen werden wollten. Zudem siedelten sich hier die für ihre jeweilige Zeit relevanten Attraktionen an, zu denen die Menschen strömten: Gasthäuser, Cafés, Theater, Warenhäuser, Shopping-Center. Erst die beiden Letztgenannten verwandelten die Pracht- und Flaniermeilen im Laufe der Zeit auch in Konsummeilen. Schleichend haben diese Konsummeilen zuletzt ihren Reiz und ihre Anziehungskraft verloren. Nicht nur sehen sich die Einkaufsstraßen rund um den Globus aufgrund der Filialisierung heute zum Verwechseln ähnlich und langweilen ihre Besucher daher eher als dass sie sie in Staunen versetzen, auch lockt der stationäre Einzelhandel in Zeiten des Online-Handels ohnehin immer weniger Menschen an.
So langsam dünkt uns, dass am Ende dieser Entwicklung keine Einkaufsstraße 2.0, sondern etwas anderes stehen wird. Diese Erkenntnis ist Grundvoraussetzung und Startschuss dafür, dass die alten Pracht- und Flaniermeilen ihren oft verloren gegangenen Reiz wiedergewinnen und in einigen Jahren vielleicht pulsieren wie nie zuvor. Der Einzelhandel wird auch weiterhin pulsgebend sein, aber nicht mehr allein, sondern als Teil eines breiten Nutzungsmix aus Wohnen, Arbeiten, Bilden, Unterhalten, Erholen … und eben Einkaufen. Doch auch dieses Einkaufen wird dann wenig mit jenem des Jahres 2020 zu tun haben. Läden, die sich die 1a-Lage dann noch leisten können, werden keine Warenversorgungs- und -verteilzentren mehr sein, sondern Orte der Inspiration und des Erlebens, des Informiert- und Berührtwerdens. Sie sind Teil der Attraktionen, welche die Menschen in jene Straßen locken, die sie ein paar Jahrzehnte lang als Einkaufsstraßen bezeichnet haben.








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